Montag, 28.01.2013

Fortsetzung: Woche 1

Montag (oder auch „Der erste Arbeitstag“)

Der Montag begann für mich mit Jet Lag bedingten Schlafstörungen. So bin ich erst gegen 5.30 Uhr morgens eingeschlafen und musste bereits um 6.30 Uhr wieder aufstehen, um mich für die Arbeit fertig zu machen. Meine morgendliche Prozedur ist aufgrund der von der (R)Unterkunft vorgegebenen Mängel leider etwas langwierig, da ich aufgrund der Kälte in Bad (vorallem dort) und Wohnraum Ewigkeiten brauche um Betriebstemperatur zu erreichen. So sitze ich beim Frühstück (aus Deutschland mitgebrachtes Knäckebrot mit Nutella) schlotternd und in eine Decke eingewickelt vor meiner elektrischen Heizung :D

Nachdem ich dann aber alles etwas verlangsamt geschafft habe, treffe ich mich um kurz vor 8 mit Luo Zhen um noch Frühstück zu holen und den Bus in Richtung Firma zu nehmen.
Das besagte Frühstück besteht hier aus „Buns“ (heisse und mit verschiedensten Dingen gefüllte Teigtäschchen). Eine sehr gewöhnungsbedürftige Speise für den Brot liebenden Deutschen! Mein Bun war übrigens mit Gemüse gefüllt und an sich ganz lecker...nur einfach nicht die für mich passende Speise am Morgen.

Buns
Mit dem Bus voller Chinesen geht es dann 25 Minuten über Holperstrassen und durch  todbringenden Verkehr zur Firma, wo Montagmorgens erst einmal unter laufender Chinesischer Nationalhymne (!!!) die Flaggen von China, Deutschland und der Firma gehisst werden. Ein wahres Ereignis, denn alle müssen stehen bleiben und zuschauen bis alle Flaggen oben sind.

Endlich im Firmengebäude angelangt, ging es für mich zum Vertrieb, wo ich von einer Kollegin zur Personalabteilung geführt wurde, um Dokumente bezgl. meines Aufenthaltes auszufüllen. Hier muss man sich nämlich innerhalb 24 Stunden bei der Polizeibehörden melden, sonst gibts Ärger (Knast und so).
Danach wurde ich von einem Mr. Sheng mithilfe eines Flipcharts ein bisschen in die Hintergründe deutsch-chinesischer Firmencooperationen eingeführt (leider nicht sehr künstlerisch begabt der gute Sheng). Gleichzeitig nutzte dieser die Gelegenheit seine Deutschkenntnisse an mir anzuwenden und mich mit blauem Kittel, Kostal-Kappe und Sandalen durch die gesamte Produktion zu führen. Beim Mittagessen (alles schön chinesisch) und weiteren Übungen mit den Esstäbchen habe ich dann durch Shengs Vermittlung Dario kennengelernt. Dario ist auch aus Deutschland, 24 Jahre alt und hat eine Art Praktikantenstatus. Er ist bereits seit 3 Monaten da und bleibt noch so lange wie ich. Er hat eine schöne Wohnung und eine Waschmaschine. Somit werden wir gute Freunde werden ;)

Nach dem Mittagessen kam das erwartete Jet Lag-Tief und ich bin fast auf dem Schreibtisch eingeschlafen. Allerdings habe ich dann meinen Computer und mein Telefon bekommen (mit dem ich Papa in Kostal Deutschland erreichen kann). Leider habe ich keinen Internetzugriff und nur interne Mailmöglichkeiten. Etwas schade, aber zum nerven von Papa und Dario reicht es aus :D

Um 17Uhr habe ich endlich Feierabend und fahre mit Luo Zhen im Bus zurück in die Unterkunft. Dort bekomme ich dann endlich mein Internetpasswort (Juhuuu), welches zu einer abends sehr überlasteten Leitung führt. Surfen (und damit auch bloggen) ist also abends nicht wirklich drin, skypen geht aber relativ gut. Aber ich habe ein gutes Buch dabei, da macht mir das kaum etwas aus.

Mein Dinner esse ich an diesem Abend alleine und gehe auch bald ins Bett um mit Ohrstöpseln fast bis zum nächsten Morgen durchzuschlafen.

 

Dienstag (oder auch „Erste Schritte in Anting“

Diesen Morgen gab es Black Sesame Bun, der war suess und somit morgens auch leichter zu essen.

In der Firma habe ich anfangs nichts zu tun, weshalb ich damit beschäftigt bin meinen PC von chinesisch auf deutsch umzustellen, einen Highscore im Fingerball aufzustellen und nicht einzuschlafen.

Lunch hatte ich dann wieder mit Dario und habe auch noch andere deutsche Arbeitskollegen kennengelernt (Marko, Olaf und Max). Alle drei sind schon seit mehreren Jahren hier und was die Orientierung angeht eine grosse Hilfe. Olaf will mir sogar Brot vom deutschen Bäcker bei ihm um die Ecke mitbringen!

Generell ist die Arbeitsatmosphäre hier sehr entspannt, alle summen und ständig klingeln hier die Handys und alle telefonieren. Und Raucher-/Teepausen gibt es reichlich. Es werden auch ständig Süssigkeiten verteilt, sehr angenehm also.

Ich durfte dann auch an einer Präsentation arbeiten, was aber aufgrund PPT 2003 etwas kompliziert war, da ich nur an 2007 gewöhnt bin. Aber geht schon J

Nach der Arbeit habe ich mein chinesisches Handy zum Laufen gebracht und war noch mit Dario beim Dinner und in der Mall. Wir hatten japanisches Barbecue. Sehr sehr lecker und definitiv eine Wiederholung wert!

Danach sind wir noch kurz durch die abendlichen Strassen von Anting gewandert, vorbei an dubiosen Geschäften und Strassenständen. Interessant zu erwähnen ist, dass die Prostitution in China zwar offiziell verboten ist, man aber zum Beispiel bei Friseursalons (gekennzeichnet durch eine sich drehende blau-weisse Säule) ohne Friseurstühle aufpassen sollte, wenn man wirklich nur einen Haarschnitt möchte.

Auch Massagen gibt es hier fast immer mit der Option auf ein „Happy End“. Als Mann (insbesondere als Westler, welche als reich gelten) muss man sich also wirklich vorsehen :D

Massagen (Fuss- und Kopf) sind aber auch bei mir noch geplant, ebenso eine blinde Massage. Was genau das ist weiss ich nicht, soll aber gut sein....(An alle, die jetzt Schweinisches denken, möchte ich einen virtuellen Mittelfinger schicken, denn ich werde mich vorher ordentlich informieren und nur ins Salons mit Empfehlung von chinesischen Arbeitskolleginnen gehen!)

 

Mittwoch (oder auch „Lecker Thailand“)

Diesen Morgen war es sehr sehr kalt und ich habe mich fast nicht aus meinem Bett getraut, da die erste halbe Stunde im Zimmer immer die schlimmste ist! Ich habs dann aber doch gewagt und fast wieder bereut, aber tapfer und arbeitswillig die Zähne zusammen gebissen. Zur Belohnung gab es dann von Luo Zhen ein Ei zum Frühstück. Nur leider war das Eiweiss grau. Das hat mir einen gehörigen Schrecken eingejagt, denn bisher bin ich sehr gut mit der chinesischen Küche zurecht gekommen. Aber es hat geschmeckt wie ein normales Ei und hat auch so gerochen, deshalb hab ich es gegessen. Ausserdem war sie ja so nett und hat an mich gedacht. Obwohl ich zugeben muss, dass ich noch stundenlang Angst vor einer Magen-Darm Verstimmung oder gar Salmonellen hatte. Aber nichts ist passiert.  

Abends war ich dann zusammen mit Luo Zhen und Hu Qi eingeladen an einem Abteilungsessen teilzunehmen. Zusammen mit 16 Chinesen war ich also beim Thailänder essen. So richtig mit abgetrennten Raum und Auswahl der lebenden Riesenkrabben! Es war sehr sehr lecker (bis auf die Leber) und die Schweinefüsse hab ich halt einfach ausgelassen.
An dieser Stelle ist wohl auch zu erwähnen, dass die Sitten bei Tisch definitiv anders sind als bei uns. Da wird geschmatzt und gespuckt (die ganzen untergemengten und gehackten Knochen und Gräten muss man ja auch irgendwie wieder los werden)und die Hände werden ohne Scham benutzt. Da wir klassisch an einem Rundtisch sassen und die Speisen auf einer Drehscheibe standen, konnte auch jeder immer wieder mit seinen Stäbchen zugreifen. Dabei nutzen alle die Stäbchen, mit denen auch gegessen wird. Diese werden auch gerne mal benutzt um seinem Gast (also MIR) etwas auf den Teller zu legen. Aber das ist für mich schon ok. Sie meinen es ja nur gut und bisher habe ich, wie gesagt, alles sehr gut vertragen.

Luo Zhen und Hu Qi Beim Thailänder

Und dabei habe ich mich innerhalb der ersten Tage bereits durch halb Asien gegessen....dieser thailändische Abend hat dabei einen sehr guten Eindruck hinterlassen.

 

Donnerstag (oder auch „Supermärkte und ihre Tücken“)

Trotz Frühstück bin ich immer schon total früh hungrig, weshalb Dario und ich meist gegen halb 12 zum Lunch aufbrechen. In der Kantine gibt es eine Auswahl an Nudeln, Reis und verschiedenen Kleinigkeiten. Ausserdem kann man auf alles Sojasauce und scharfe Sauce kippen, was Dario auch mehr als gerne macht. Eigentlich glaube ich, dass sein Essen nach nichts anderem als der scharfen Sauce schmeckt, aber er behauptet das Gegenteil :D
Er hat sich in Shanghai für mehrere Anzüge und Hemden auf Mass anfertigen lassen, ein Klassiker unter den Chinareisenden. Auch ich werde wohl einem bekannten Stoffmarkt mal einen Besuch abstatten und mir ein paar Blusen und einen Cashmeremantel machen lassen. Derartige Aktivitäten sind allerdings nur am Wochenende möglich, da die Fahrt mit der Bahn in die Innenstadt fast 1 Stunde dauert.

Im Büro wurden heute Videogrüsse für Neujahr aufgenommen.Dafür mussten wir uns als Gruppe zusammenstellen, irgendetwas chinesisches sagen und komische Bewegungen machen. Ein Riesenspass, wenn man den Chinesen glaubt. Generell sind überall Vorbereitungen für Neujahr zu beobachten...Tänze werden einstudiert und die grosse Firmenparty geplant. Ich selber habe ja eigentlich geplant die Woche des Chinesischen Neujahrfestes in Hongkong zu verbringen, da dort meine Freundin Anja (Hallo Anja!!) gerade ihr Auslandssemester macht. Sollte ich weitere Informationen von der leicht unkooperativen Mrs. Grace Li bezgl. meiner 2. Einreise bekommen, kann ich auch endlich die Flüge buchen.

Heute ist etwas ganz Wildes im Büro passiert: Ich wurde gefragt, ob ich gerne Dessert haben möchte. Als gutgläubige Europäerin habe ich natürlich ja gesagt und habe mich dann gewundert, warum einige das Büro verliessen. Sie kamen nach einiger Zeit mit Tüten voller Suppenpappbecher wieder. Es handelte sich beim Inhalt um ein koreanisches Dessert, welches offensichtlich aus pürierten braunen Bohnen (!!!) bestand und den Aggregatzustand von Suppe hatte. Diese war sämig und vom Geschmack undefinierbar...als besonderes Highlight schwammen merkwürdige Gummidinger in der Suppe. In Form von schwarzen Kugeln und durchsischtigen Schnüren. Das Ganze hatte die Konsistenz von aufgeweichten Gummibärchen, aber keinen Geschmack. Ich wusste das erste Mal nicht, was ich tun soll. Brav habe ich 2 Löffel geschafft, während meine Kollegen bereits fast alles aufgegessen hatten. Ich bin dann mit der Begründung, dass ich keine braunen Bohnen mag zu Luo Zhen gegangen und habe ihr die Suppe gegeben :D Ein Foto dieser Köstlichkeit habe ich beigefügt.

Die Suppe des Grauens

Abends war ich noch mit Dario im Supermarkt und habe die riesigen Gänge und Abteilungen erkundet. Dabei sind wir auf allerhand Unheimliches gestossen. Schlangen, Schildkröten, Fische, Muscheln und anderes Gekröse (tot oder lebendig). Hühnerfüsse, -köpfe, Schweinenasen etc. in rauen Mengen und mitten drin Klein-Jenny und Gross-Dario mit gerümpften Nasen und aufgerissenen Augen. Wir waren mal wieder die Attraktion im Geschäft, wie wir da so standen und schauten :D

Ausserdem gibt es in der Pflanzenabteilung ganz kleine Schildkröten, die einfach in so kleinen Plastikboxen sitzen und bestimmt verhungern. Voll furchtbar...

 

Freitag (oder auch „Das brasilianische Grauenshaus“)

Heute hatte ich ein sehr ausgiebiges Frühstück mit Wurst (aus dem Supermarkt), Ei, Tomaten und Erdbeeren. Ausserdem einiges auf der Arbeit zu tun und im Hinterkopf die Vorfreude auf das heutige Abendessen im Brasilianischen Steakhaus in Shanghai.

Dorthin ging es dann direkt nach der Arbeit das erste Mal in der Bahn und in Begleitung von Dario, der so nett war mich mitzunehmen. Auch hier wurden wir bestaunt wie bunte Hunde :D
Nach 1 stündiger Fahrt und kurzem Umstieg ins Taxi, kamen wir auch endlich halb verhungert an und trafen auf Ignatz, einen 19jährigen Niederländer und Bekanntem von Dario. Das Restaurant mitsamt Buffet entpuppte sich aber leider eher als Imbiss mit Kantinenatmosphäre und Fleisch in schlechter Qualität. Zumindest was den Preis angeht, dieser war nämlich im Vergleich zu den sonstigen Preisen hier schon etwas höher und im Bezug auf Preis-Leistung eine Vollkatastrophe. Weshalb wir mit dem Manager sprachen, aber auf keinerlei Verständnis stiessen. Also sind wir verärgert in eine Bar weitergezogen, um bei Bier wieder bessere Laune zu bekommen. Die Bar war nahezu bevölkert von Westlern, so wie die gesamte French Concession in Shanghai. So trafen wir auch gleich auf eine amerikanische Lehrerin, die uns noch mit in eine Heavy Metal Bar genommen hat. Alles sehr amüsant. Nach einem kurzen Abstecher ins „Apartment“, einem Club, ging es 50 Minuten mit dem Taxi zurück nach Anting. Die Fahrt kostet umgerechnet keine 25Euro!

 

Samstag (oder auch „Sightseeing und Party in Shanghai“)

Nach einer relativ kurzen Nacht stand am Samstagnachmittag erneut die Fahrt nach Shanghai an,da die Wochenenden für das Sightseeing Programm reserviert sind. Der Plan war zum Yuyan Garden zu fahren und danach noch einen Stoffmarkt zu besuchen. „Leider“ liess sich der Garten schwerer finden als erwartet, weshalb Dario und ich auf einmal in einer typisch chinesischen Gasse mit Garküchen und am Strassenrand verkauften Speisen landeten. Hygienefanatiker werden hier weder glücklich noch satt, weshalb es von Vorteil ist, wenn man einfach mal die Augen zu machen kann und sich mutig in eine Garküche für Dumplings setzt – wie wir. Diese waren köstlich, mehr als preiswert (von den durchgängig chinesischen Gästen bestaunt zu werden inklusive) und überhaupt nicht gesundheitsgefährdend.

Nach dem Essen fand sich der Garten mit einiger Hilfe doch noch, ebenso wie ein chinesisches Teehaus, in welchem uns in einer klassischen Teezeremonie ca. 8 Tees zubereitet wurden. Insbesondere die Teeblumen sind sehr schön anzusehen. Ich werde mir bei Zeiten auch noch eine schöne Teetasse zulegen...

Shanghai Old Town Shanghai Old Town Shanghai Old Town Chinesische Gasse voller Garküchen und Strassenverkauf Gebratener und sehr arg riechender Tofu Schweinenasen und Co. Dario in Dumplinküche Ich in Dumplingküche Dumplings Yummy Stromversorgung in China Teehaus Teeblume namens Julia Resultat der Teezeremonie Zickzackbrücke am Yuyan Garden Zickzackbrücke am Yuyan Garden Im Yuyan Garden Im Yuyan Garden Im Yuyan Garden Im Yuyan Garden Im Yuyan Garden

Gegen Abend ging es dann zu Bernart, einem spanischen Arbeitskollegen, der seinen Geburtstag mit uns feiern wollte. In wild durcheinander gewürfelter Runde (deutsch, spanisch, amerikanisch, brasilianisch-schwedisch) gab es dann spanische Köstlichkeiten und Wein. Gemeinsam ging es dann in die „Geisha“, einem Club in der Innenstadt, welcher kurioserweise an diesem Abend das Motto „SM“ gewählt hatte. Sehr interessant mit Arbeitskollegen sowie Chefs zwischen Gummipuppen, Dildos und Animateuren in Lack, Leder, Masken, Peitschen und Co. zu feiern :D

Die Taxifahrt heim war leider ein Desaster, denn der Taxifahrer kannte den Weg nicht und ist fast beim Fahren eingeschlafen. Eine Gefahr, der man sich hier beim Einstieg ins Taxi bewusst sein muss, dadie Fahrtzeiten hier nicht geregelt sind. Man sollte seinen Fahrer also immer gut im Auge behalten und notfalls mal antippen. Wir haben es aber letztenendes doch geschafft und haben bei strömendem Regen Anting erreicht...

 

Sonntag (oder auch „Hallo Ralfie“)

Sonntag war mein Ruhetag, was nach der ersten Woche auch dringend angesagt war. So war ich lediglich ein bisschen zu Fuss in Anting unterwegs und beim Supermarkt. Unnnnd.....ich war doof. Ich hab eine von den kleinen, armen Schildkröten dort gekauft L Ich musste einfach, sie lagen alle so lethargisch dort und „er“ war als einziger aktiv....

Meine Mittel ein Schildkrötenheim zu bauen sind zwar hier leider recht beschränkt, aber ich hoffe einfach ich kann ihm eine bessere Zeit schenken als die in der kleinen Plastikschachtel im Supermarkt. Sein Name ist jetzt Ralfie und er lebt auf meinem Schreibtisch in einer grossen Box mit Wasser.

 

FAZIT der ersten Woche: Mir gefällt es bisher sehr gut. Das Essen ist lecker, ich habe nette Leute kennengelernt und schon einiges erlebt. Ich bin gespannt wie es weitergeht!